banner.jpg
  • Apotheker Michael Faber e.Kfm.
  • Rosenstr. 1
  • 33824 Werther

Rauchprävention: Nachholbedarf in Deutschland

Deutschland hat sich europaweit an die Spitze geraucht. Jedes siebte Todesopfer ist dem Qualmen geschuldet. Dennoch blockiert die Politik wirksame Maßnahmen
von Sonja Gibis, 02.10.2017

Was ist mit den guten Vorsätzen zur Rauchprävention?

W&B/Nina Schneider

Deutschland auf dem vorletzten Platz? Das passiert sonst nur beim Eurovision Song Contest. Das Thema, bei dem die Bundesrepu­blik ebenfalls fast das Schlusslicht bildet, ist allerdings unvergleichbar ernster: Rauchprävention. Unter den 35 europäischen Staaten landet Deutschland in der Tabakkontrollskala ganz hinten. Nur in Österreich wird noch weniger getan, um die Bürger vor den Gefahren des Nikotinkonsums zu schützen.

Raucher sterben im Durchschnitt deutlich früher

Dass Zigarettenqualm tötet, muss inzwischen kaum mehr betont werden. Es steht auf jeder Packung. Im Schnitt verliert jeder Raucher zehn Lebensjahre, jeder Zweite stirbt an den Folgen seines Konsums. Hierzulande macht das pro Jahr etwa 121.000 Opfer. "Das ist jeden Tag ein Jumbojet voller Leute. Würde täglich einer abstürzen, dürfte längst kein einziger mehr starten", sagt Dr. Tobias Rüther, Leiter der Tabak­ambulanz am Klinikum der Universität München. "Doch die Rauchtoten sieht man eben nicht."

Bei der WHO hat man sie trotzdem fest im Blick. Vor mehr als zehn Jahren überzeugte die Weltgesundheitsorganisation 180 Länder, vertraglich dem Vorsatz zuzustimmen, die gefährliche Sucht einzudämmen. Deutschland setzte bereits 2004 seine Unterschrift unter das Dokument. Und verpflichtete sich damit, Anti-Rauch-Maßnahmen gesetzlich umzusetzen, darunter ein Tabakwerbeverbot – einzuführen innerhalb von fünf Jahren.

Andere Länder setzen das Werbeverbot konsequent um

Einige Länder machten mit diesen Zielen rasch Ernst. Australien zum Beispiel. Zigaretten stecken dort inzwischen in Einheitspackungen, hässlich braun und mit großen Schreckbildern drauf. In der Öffentlichkeit gibt es überall strikte Rauchverbote, auch Werbung jeder Art ist untersagt.

"Wir wissen, dass Tabakwerbung gerade junge Menschen zum Rauchen verführt", sagt Professor Sven Schneider, Leiter der Forschungsabteilung Kindergesundheit an der Uni Heidelberg. Zusätzlich machten in Australien Steuererhöhungen Tabak zum Luxusprodukt. Die Folge: Die Zahl der Raucher sank bis 2013 von über 25 auf 13 Prozent.

Hierzulande raucht noch immer jeder Vierte

In Europa gilt indes Großbritannien als Vorbild in Sachen Tabakkontrolle und auch bei der Raucherentwöhnung. So gibt es dort ein landesweites Kliniknetz, das beim Aufhören unterstützt, sogenannte Stop-Smoking-Services.

In Deutschland geht der Tabakkonsum ebenfalls leicht zurück. Erfolge gibt es vor allem bei Jugendlichen. "Es raucht aber noch immer ein Viertel der Bevölkerung", sagt Dr. Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. In absoluten Zahlen halten wir in Europa sogar den Spitzenplatz. Der Grund: Zögern und Zaghaftigkeit. Wurden Anti-Tabak-Maßnahmen umgesetzt, dann nur verspätet und mit Einschränkungen – wie beim Rauchverbot in Gaststätten.

Gaststätten-Rauchverbot: Große Unterschiede zwischen Bundesländern

Strikte Regelungen gibt es nur im Saarland, in NRW und Bayern, wo diese per Volksentscheid erstritten wurden. "In der Hauptstadt wird in allen möglichen Kneipen gequalmt", beklagt Mediziner Rüther.

Der Vorsatz, regelmäßig die Tabaksteuer kräftig anzuziehen, verrauchte ebenfalls nach einem Mal. Wie erwartet brachen die Konsumentenzahlen ein. "Seit­her gibt es Erhöhungen nur noch in homöopathischen Dosen", beklagt Mons.

Lobbyarbeit als wichtiger Störfaktor

Eine Hauptursache, dass Deutschland bei der Rauchprävention hinterherhinkt, sehen Experten klar im Einfluss der Tabakkonzerne. Die Macht der ­Lobby ist nicht bloß Spekulation, wie ein Schadensersatzprozess in den USA Ende der 90er-Jahre zeigte. Mehrere Konzernriesen mussten ihre Archive öffnen: vertrauliche Briefe, Sitzungsprotokolle, persönliche Notizen.

Auch ein deutsches Expertenteam nahm sich die Dokumente vor – und veröffentlichte die Ergebnisse im Fachblatt Gesundheitswesen. Resümee: "Die Entwicklung und Umsetzung einer wirksamen Tabakkontrollpolitik ist in Deutschland durch die Einflussnahme des Verbands der Cigarettenindustrie entscheidend behindert worden." Dabei arbeiten Konzerne laut den Autoren gern auch mit halb legalen Mitteln, verfälschen Informationen, kaufen Gutachten.

Kontakte der Tabakindustrie zur Politik

Die untersuchten Dokumente reichen nur bis 2002. "Der Einfluss ist nach wie vor groß", weiß Christina Deckwirth von Lobbycontrol, einer Initiative, die sich für mehr Transparenz in der Politik starkmacht. Lobbyisten der Tabakindustrie gehen bei der Bundesregierung ein und aus. Eine Anfrage der Linkspartei ergab, dass Konzernvertreter in den vergangenen drei Jahren 32 Mal zu führenden Politikern vorgelassen wurden. Zudem fließt Geld.

Neben Spenden, die ab 10.000 Euro offengelegt werden müssen, gibt es eine weitere Möglichkeit, die Deckwirth "das Schattenreich der Parteienfinanzierung" nennt: Sponsoring. Bei Parteitagen, Sommerfesten, Jubiläen mieten Tabakkonzerne teure Stände, verteilen kostenlos Zigaretten, knüpfen Kontakte. Vielleicht fließt auch Geld, das nirgendwo erscheint.

Bisher kein Verbot der Außenwerbung

Dass die Strategie der Konzerne aufgeht, legt die Blockade des geplanten Tabakwerbeverbots nahe. In Europa ist Deutschland inzwischen das einzige Land, in dem noch auf Plakaten und Litfaßsäulen für Tabakprodukte Reklame gemacht werden darf. Vor einem Jahr legte Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) endlich einen Gesetzesentwurf vor, der Außenwerbung ab 2020 verbieten sollte. Was dann passierte, nennt Krebsexpertin Mons einen "politischen Skandal".

Das Bundeskabinett segnete den Entwurf ab. Es fehlte noch der Beschluss durch das Parlament. Doch dazu muss das Gesetz auf der Tagesordnung stehen. Genau das passierte nie. Warum? Experten finden keine andere Erklärung, als dass einige Politiker das verhinderten. Gelingt es nicht, das Gesetz bis zu den Wahlen durchzubringen, ist Schmidts Entwurf Geschichte.

Die Eigenverantwortung bleibt wichtig

Es sieht also so aus, als ob Deutschland in Sachen Tabakkontrolle ein Entwicklungsland bleibt. Den Entschluss, von der Zigarette zu lassen, kann aber jeder für sich selbst treffen. "Das lohnt sich in jedem Alter", betont Rüther.

Bei der Entwöhnung gibt es durchaus Hilfe. Medikamente erleichtern den Entzug, zertifizierte, von den Kassen bezuschusste Rauchstopp-Seminare erhöhen den Erfolg. Rüthers Tipp, wenn es nicht gleich klappt: den Vorsatz nicht verrauchen lassen – und es einfach wieder probieren.



Bildnachweis: W&B/Nina Schneider

Lesen Sie auch:

Frau klebt Rauchverbotsschild an Fenster

Was der Nichtraucherschutz bewirkt hat »

Rauchverbote in Restaurants schützen: Einige akute Krankheiten sind zurückgegangen. Forscher erwarten auch langfristige positive Effekte auf die Gesundheit »

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Spezials zum Thema

Mit dem Rauchen aufhören

Schluss mit Rauchen: So hören Sie auf

Lungenkrebs wird bis zu 90 Prozent durch Rauchen verursacht. Trotzdem kommen viele Raucher nicht los von der Zigarette. So werden und bleiben Sie Nichtraucher »

Haben Sie Schlafprobleme?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages